Welche Potentiale bieten 
Algenwälder und Seegraswiesen?
Mit einem Gastbeitrag von Uli Kunz.

Die Aufforstung von Wäldern und Baumbeständen ist in aller Munde. Doch welche Potenziale bieten sich unter Wasser in den Meeren? Algenwälder & Seegraswiesen speichern große Mengen an CO2 und können eine Schlüsselrolle gegen die Klimakrise einnehmen. 

Seegraswiese

Seegraswiesen (Bilder: Uli Kunz - Kieler Förde) und Algenwälder (Bilder: Uli Kunz - Tasmanien) sind in der Lage, große Mengen Kohlenstoffdioxid aus der Atmosphäre zu ziehen und zu speichern. In ihrer Wachstumsphase können Seegraswiesen ca. 27 Millionen Tonnen Kohlenstoff im Jahr speichern. Ein großer Anteil wird dabei im Meeresboden gespeichert. Die Meere spielen eine wichtige Rolle in der Klimaregulation und 10 bis 20 Prozent des CO2, welches durch den Ozean aufgenommen wird, entfällt auf Seegras.

Seegras sieht aus wie Gras – nur Unterwasser. Großalgen und Algenwälder, auch „Kelp“ genannt, sind hingegen bis zu 20-30 Meter hoch und wachsen extrem schnell. Durch die Filterfunktion wird eine Übersättigung an Nährstoffen im Meer reguliert. Ferner wird Sauerstoff produziert und lagern gleichzeitig große Mengen CO2 ein. Damit entfällt auf Seegraswiesen und Algenwälder eine hochrelevante Rolle im Kampf gegen die Klimakrise.
Die dänische Biologin Marianne Holmer fand in ihrer Studie heraus, dass ein Hektar Seegras so viel Kohlenstoff binden kann, wie zehn Hektar Wald.

In großem Ausmaß ließe sich, durch die Wiederausbreitung der Unterwassergewächse, klimaschädliches Treibhausgas binden und Jahrhunderte im Sediment speichern.
Denn aktuell setzt die Erderwärmung den Meerespflanzen zu, Seegraswiesen und Algenwälder zählen zu den am schnellsten verschwindenden Ökosystemen. Sie schrumpfen und setzen gebundene Treibhausgase frei, was den Prozess der Temperaturanstiege weitertreibt.
In Europa betrifft das vor Allem das Seegras im Mittelmeer. Hier erwärmt sich das Wasser im Vergleich schneller und die Unterwasserpflanzen gehen zurück.

Neben der Erderwärmung sind auch die Verschmutzung und Überdüngung des Wassers sowie die Zerstörung des Meeresbodens durch Anker, Schleppnetze und Bauarbeiten für den Rückgang verantwortlich.

Algenwald Kelp

Wir haben Uli Kunz, Meeresbiologe, Fotograf & Forschungstaucher gefragt, was er mit Kelp verbindet.

Im Wald des bunten Drachens. Seit mein Vater mir in meiner Kindheit Geschichten vom ausgestorbenen Tasmanischen Beutelwolf und anderen schrägen Lebensformen auf der anderen Seite der Erde erzählte, ist der Name dieser fantastischen Insel tief in meinem Unterbewusstsein verankert und erweckt bei bloßer Erwähnung das Gefühl einer Expedition ins Niemandsland, von Abenteuer und undurchdringlicher Wildnis. Und von einem Spaziergang durch den Dschungel im Meer.

Wissenschaftliche Fakten versagen, wenn ich beschreiben soll, wie sich ein Tauchgang in diesem Urwald anfühlt. Wir Taucher sind häufig nur ‚Überflieger‘, schwimmen über oder neben einem Korallenriff, hangeln uns entlang des See- oder Meeresbodens oder vertreiben uns die Zeit nach einem Wracktauchgang im Blauwasser mit endlosen Dekostopps. Ein Riesenkelpwald ist für mich Genuss von Anfang bis zum Ende des Tauchgangs, pure Faszination vom Abtauchen bis zur Rückkehr an die Wasseroberfläche. Denn es gibt andauernd und in jeder Wassertiefe etwas zu bestaunen, Langusten zwischen den Wurzeln des Kelps, fetzige Fische beim Versteckspiel, Nacktschnecken auf den Blättern der Pflanze und winzige Quallenpolypen an den jungen Trieben im sonnendurchfluteten Oberflächenwasser. Ein Freiflug durch den abgetauchten Botanischen Garten des Zauberers von Oz. Auf Steroiden.

Diese fantastische Wunderwelt ist leider einem starken Wandel unterzogen. Durch den Klimawandel haben sich bestimmte Meeresströmungen verändert und die Wassertemperatur vor der Ostküste der Insel stark erhöht. Die Ökologie des Meeres und die Bedrohung seiner Lebensräume wird vor der Küste von Tasmanien mit aller Konsequenz deutlich: Globale Umwälzungen sind die Folge unseres Handelns, physikalische Faktoren beeinflussen ganze Biotope und wenige eingewanderte Arten können innerhalb kurzer Zeit Tiere und Pflanzen verdrängen, die an dieser Stelle zwar über Jahrtausende gelebt haben, sich aber jetzt nicht an die raschen Veränderungen anpassen können.

Der Kelpwald an der Ostküste von Tasmanien ist in nur 20 Jahren auf einen Bruchteil seiner bisherigen Größe zusammengeschrumpft. Die Abgelegenheit dieser Lebensräume und das häufig unbeständige Wetter erschweren Wiederaufforstungsprojekte und die Erforschung der Ursachen dieses Rückgangs.

Kelpwälder gibt es noch an anderen Stellen auf der Erde, wo die Wassertemperatur nicht zu warm wird und nährstoffhaltiges Wasser an der Oberfläche vorkommt. In Deutschland finden sich große Braunalgen hauptsächlich nur um die Insel Helgoland mit ihrem harten Meeresboden aus Sandstein und Kreidefelsen. Die bei uns lebenden Arten werden nur maximal ein bis zwei Meter hoch, stellen aber auch hier ein wichtiges Biotop mit einer großen Artenvielfalt dar. Vom Helgoländer Oberland kann man bei Niedrigwasser die an der Wasseroberfläche treibenden Spitzen der Pflanzen gut sehen und erhält einen kleinen Überblick über die Ausdehnung des Unterwasserdschungels, der unseren Augen meistens verborgen bleibt."

Seedrache

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